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Schamgefühl - destruktiv oder nützlich?

Aktualisiert: 24. Mai

Schamgefühle überspülen dich manchmal wie eine Tsunami-Welle und du wünschst dir, der Boden sollte unter dir aufgehen und dich verbergen? Und du fragst dich, wieso das so ist?


In diesem Artikel erläutere ich dir, warum Schamgefühle mit der Gesellschaft zu tun haben, in der wir leben. Und dass natürliche Scham einen Nutzen hat und toxische Scham von Beschämung kommt.

 

Inhaltsverzeichnis:


 

Was ist Schämen überhaupt?

Wer kennt diese Träume nicht: "Eine öffentliche Toilette. Man muss mal dringend, stellt aber plötzlich fest, dass der Toilettenraum keine Tür hat und einen jeder sehen kann", "Man ist wieder in der Schule und soll eine Arbeit schreiben. Plötzlich stellt man fest, dass man überhaupt nicht gelernt hat." Träume, in denen man sich entblößt und schutzlos vorkommt oder in denen einem das eigene Verhalten peinlich ist. Man schämt sich.

Das Wort Scham stammt vom altdeutschen "scama" beziehungsweise dem angelsächsischen "scamu" ab. Es geht auf die indogermanische Wurzel "kamkem" zurück, was "zudecken, verschleiern, verbergen" bedeutet. Durch das vorausgestellte "s" (skam) wird aus dem "Zudecken" ein "sich zudecken", ein "sich verbergen" (Baer/Frick-Baer, 2008, S. 10).


Es geht also darum, dass sich jemand vor jemandem oder etwas verbirgt. Scham ist ein Gefühl, das mit sozialen Interaktionen zu tun hat. Es braucht dazu die sich schämende Person und andere Personen, die irgendwie damit zu tun haben. Es braucht gedachte oder tatsächliche Öffentlichkeit. Anhand dieses uralten Wortes sieht man auch, dass Scham ein Gefühl ist, das bereits viele Generationen vor uns gefühlt haben. Und das heute immer noch aktuell ist und gelebt wird.


  • soziales Gefühl

  • sich verbergen vor ...

  • schon seit Urzeiten ein menschliches Gefühl


Scham scheint also eine enorme Wichtigkeit zu haben. Welche ist das?



Die natürliche Scham


1) Sich selbst schämen

Stellen wir uns mal eine Gruppe von Menschen in der Eiszeit vor. Man ist aufeinander angewiesen, um überleben zu können.


Sollte ein Mitglied dieser Gruppe ein Auge auf die Frau des "Häuptlings" werfen, wäre es ganz sinnvoll, wenn es in ihm eine Instanz gäbe, die die Umsetzung dieses Bedürfnisses verhindert. Damit man nicht aus der Gruppe ausgeschlossen wird und alleine um sein Leben kämpfen muss. So ist letztendlich das Gefühl der Scham entstanden, um sich selbst zu schützen. Man schämt sich schon im Voraus, obwohl man noch gar nichts gemacht hat. Das verhindert Handlungen.


Zwei Frauen im Museum stehen vor einem Bild von Botero, das eine nackte Frau von hinten zeigt

2) Fremdschämen

Schauen wir uns jetzt dieses Foto an. Zwei Frauen betrachten intensiv eine Malerei von Fernando Botero. Eine dicke, nackte Frau ist von hinten zu sehen.


Natürlich schauen die Frauen auf diese Art und Weise, weil es eine gemalte Szene ist. Wäre es eine tatsächliche Frau, die gerade nicht bemerkt, dass sie beobachtet wird, würden sie es nicht tun. Aus Scham, weil sie die Frau nicht beschämen möchten, weil sie sie schützen möchten, auch wenn es eine völlig Fremde ist. Aber warum?


Dieses Fremdschämen ähnelt dem Mitgefühl. Ebenfalls ein sehr altes Gefühl. Es werden die selben Regionen im Gehirn angesprochen. Und Mitgefühl sorgt dafür, dass wir einer Person oder Gruppe gegenüber loyal bleiben. Und damit wiederum nicht verstoßen werden.


Schlussfolgerung also: die Scham ist grundsätzlich ein soziales Gefühl, das vor Ausschluss aus einer Gruppe schützt..


Seminar Scham und Beschämung


Die Scham als Beschützerin


Der amerikanische Anthropologe Edward Hall unterscheidet verschiedene Distanzzonen des zwischenmenschlichen Raums (s.Grafik unten). Ein Raum nimmt in Bezug auf die Scham eine besondere Rolle ein. Das ist der Intime Raum.


Nach Hall bewegt sich jemand im Intimen Raum, wenn der Abstand weniger als 50 cm beträgt. Gabriele Frick-Baer und Udo Baer, zwei deutsche Pädagogen und Heilpraktiker für Psychotherapie gehen noch weiter. Sie beschreiben den Intimen Raum folgendermaßen: es dreht sich dabei um alles, "was wir innerhalb des Körpers empfinden" (Baer und Frick-Baer, 2008, S. 17). Damit meinen sie den Körper beziehungsweise die körperliche Unversehrtheit an sich. Aber auch Gefühle und Gefühlsäußerungen, Meinungen, Ideen, Wahrnehmungen, Wertvorstellungen, usw.


Die Scham ist die Beschützerin dieses Intimen Raums. Kommt einem jemand zu nahe und damit in diesen verletzlichen Bereich, kommt die Scham und warnt.


Wenn man sich nackt fühlt, auch im übertragenen Sinne, schützt man sich. Und zwar, indem man etwas anzieht oder zum Beispiel bestimmte Situationen zukünftig vermeidet. So beschützt man sich selbst. Auch wenn man rational noch gar nicht erkannt hat, dass die Situation nicht gut ist.


In der obigen Szene im Museum kann sich die nackte Frau nicht selbst beschützen, weil sie nichts bemerkt (wie schon erwähnt, vorausgesetzt, sie wäre lebendig). Da wir Gesellschaftswesen sind, übernehmen das in diesem Falle die Beobachterinnen. Sie möchten nicht beschämen und damit verletzen. Dazu hilft ihnen ihre eigene Scham. Mit der Scham schützt man sich selbst und andere.


Bedeutungsräume eines Menschen nach Gabriele Frick-Baer und Udo Baer

Situationen, die mit natürlicher Scham zu tun haben können, sind beispielsweise


  • Nacktheit

  • jemandem zu nahe treten und in Intimsphäre eindringen müssen (z.B. in der Pflege)

  • beim Selbstgespräch überrascht werden

  • im Chor falsch singen

  • beim Lügen ertappt werden

  • wenn sich jemand in einer Fernsehshow in eine peinliche Situation begibt (Fremdscham)


Schämt sich jemand nicht, ist also schamlos und damit grenzüberschreitend oder schämt sich jemand immer und für die geringsten Kleinigkeiten , entsteht immer die Frage des Warum. Wie wurde mit seiner/ihrer natürlichen Scham in der Kindheit umgegangen?



Die toxische Scham


Jemand wird häufig oder dauerhaft in einer Situation beschämt, in der er sich natürlicherweise schämt. Folge: eine toxische Scham entsteht. Das ist wie eine Art "Dauerentzündung".

"Nils, deine Arbeit ist die schlechteste von allen. Bei dir ist Hopfen und Malz verloren." Auf die vor allen Mitschülern geäußerte Kritik der Lehrerin reagiert Nils mit Senken des Blicks. Er wird rot und erstarrt. Sein Atem wird flacher. Vielleicht hält er ihn auch kurz an. Er möchte am liebsten im Erdboden versinken. Die Situation ist kaum auszuhalten. Während sein Blick nach innen geht, drehen sich seine Gedanken im Kreis: "Alle starren mich an. Alle sehen, dass ich blöd bin. Ich bin dumm, wertlos, zu nichts zu gebrauchen."

Nils´ Leistungen sind etwas, das zum Intimen Raum gehört. Er hat seine Gedanken, sein Wissen, seine Einschätzungen über irgendetwas niedergeschrieben. Damit hat er Einblick in seinen Intimen Raum gegeben. Dazu muss er der Lehrerin vertrauen, ob er will oder nicht. Aufgrund der Reaktion der Lehrerin fühlt er sich vor die Klasse gezerrt und gedemütigt. Es ist erst einmal völlig normal, dass er sich schämt. Der Wächter des Intimen Raums will ihn beschützen. Die Heftigkeit seiner Reaktion lässt jedoch darauf schließen, dass Nils solche Situationen schon häufig erlebt hat.


Enge Bezugspersonen, wie z.B. die Eltern, könnten häufig oder dauerhaft beschämen. Mobbing ist ebenso ein andauerndes Beschämen. Hier kommt der Wächter des Intimen Raums nicht mehr zur Ruhe. Er ist sozusagen im Dauereinsatz.


Besonders schlimm und folgenreich ist es dabei noch, wenn das Kind in seiner/ihrer gesamten Existenz beschämt wird.



Die existenzielle Scham


"Mein Gott, bist du wieder empfindlich!", "Heulsuse!", "Seit deiner Geburt habe ich offene Beine!", "Ich wollte nie Kinder!", "Womit habe ich verdient, so ein Kind zu haben!" und ähnliche Aussagen zielen auf die gesamte Person. Das Kind wird in seiner Existenz abgelehnt - zum Beispiel wegen seiner/ihrer angeborenen Empfindsamkeit. Oder sogar aufgrund der Tatsache, dass es überhaupt auf der Welt ist. In den Augen der Eltern hat es Not und Krankheit erzeugt.


Die älteste Tochter eines Ehepaars stirbt mit zwei Jahren. Ein Jahr danach wird eine weitere Tochter geboren. Sie erhält den Namen des verstorbenen Kindes. Das lebende Kind hört über die Schwester immer das Gleiche. Wie gut und lieb und hübsch und folgsam sie war - wie ungezogen und unmöglich sie selbst sei. Das tote Kind schwebt atmosphärisch immer im Raum. Es wird kultartig verehrt. Das lebende Kind weiß während seiner Kindheit: es ist nur Ersatz für das tote Kind und erfüllt seine "Aufgabe" nicht. Es schämt sich seiner Existenz.

Wenn man so massiv in seiner Würde verletzt wurde, ist das für das Kind kaum auszuhalten. Es "verschwindet" regelrecht in seinem Inneren, um dieser Situation und der Scham entgehen zu können. Solche Erfahrungen prägen sich tief ein. Und auch die Dauer-Scham ist nicht einfach weg, wenn man erwachsen wird.


Es wird also dauerhaft versucht, die Scham nicht zu spüren. Man versucht, sie gegen ein anderes Gefühl "einzutauschen" oder andere Not-Lösungen zu finden. Folgen könnten sein: Unterordnung, Beziehungskonflikte, Nähe-Distanz-Probleme, massive Selbstabwertung. Oder tiefe Depressionen und Ängste, Alkohol- und Drogenkonsum, Zwänge, Essstörungen oder Panikattacken, usw.


Diese überflutende, toxische Scham verwebt sich mit der natürlichen Scham. Beide können nicht mehr auseinander gehalten werden. Es sieht aus, als ob sich die Scham von Anlässen gelöst hätte. Und dass sie auch dann auftritt, wenn es gar keinen Grund zum Schämen gäbe. Das ist aber nicht richtig so.



Beispiele für Auslöser überflutender Schamgefühle


Doppelbelichtung: Mädchen hält die Hände vor das Gesicht und man sieht gleichzeitig das Gesicht, Scham

Diese Anlässe sind nicht gleich offensichtlich. Man versucht, alles, was mit Scham zu tun hat, nicht zu spüren. Aber sie sind da. Zusätzlich zu den Auslösern, die natürliche Scham hervorrufen, wirken die Auslöser der toxischen Scham. Also Schmähungen und Abwertungen oder auch "nur" die Möglichkeit, dass diese auftreten könnten.


Kontakt-"Gefahr"

Ein ganz wichtiger Anlass für überflutende, toxische Scham ist Kontakt. Jeglicher Kontakt, der über ein "Guten Tag" hinausgeht, wird als bedrohlich erfahren. Alleine ein Lächeln bei einer zufälligen Begegnung mit einer fremden Person kann ausreichen. Der Kontakt wird als zu nah und gefährlich wahrgenommen. Die Scham tritt auf den Plan. So schützt die Scham vor potentiellen Verletzungen. Man zahlt allerdings einen hohen Preis, da lebendiger, bereichernder Kontakt verhindert wird.


Leben von Lebendigkeit

Ein anderer Anlass ist das Ausleben von Gefühlen jedweder Art: das Äußern einer Meinung in einer Diskussion, ein lautes Lachen, wütend sein. Alles wird unbewusst verglichen mit dem, was in der Kindheit nicht gern gesehen wurde. Und man schämt sich schlagartig, weil man sich nicht im Griff hatte und nicht still war.


Plötzliche Erkenntnis, früher getäuscht worden zu sein

Ungereimtheiten im Verhalten der Eltern werden nicht wahrgenommen Das passiert, um die Beziehung zu den Eltern aufrecht zu halten. Damit versucht man, das Kindheits-"Nest" zu sichern. Manchmal kommt diese Erkenntnis dann später als Erwachsene/r und die Scham überfällt einen schlagartig.


Martinas Vater erzählt sehr wenig über sich und seine Vergangenheit. Er erwartet Disziplin von seinen Kindern und ahndet jegliche "Verfehlung" mit Abwertung der Person. Die Familie wohnt in einem herrschaftlichen Haus. Der Vater selbst sitzt den ganzen Tag in seinem Büro und will nicht gestört werden. Die Tochter hat große Hochachtung vor ihm und fügt sich ängstlich seinen Anordnungen. In der Therapie, die Martina als Erwachsene macht, erkennt sie: das Geld der Familie stammte vom Großvater. Der Vater "vertrödelte" im Büro nur seine Zeit. Sie wurde getäuscht und dadurch abgewertet. Schlagartig spürt sie eine Welle der Scham aufsteigen, als ihr das bewusst wird.

Wie kann man Schamgefühle bewältigen?


Selbstliebe macht den Unterschied.


Wer beschämt wurde, akzeptiert die Wertung anderer als wichtiger als die eigene. Das gilt es zu ändern. Menschen die beschämen, wissen es nicht besser. Sie werten ab, um sich zu erhöhen. Oder um die eigene Unzufriedenheit an jemandem auszulassen.


Um genaueres darüber zu erfahren, lese meinen nächsten Beitrag.


Oder besuche unser Seminar:

Seminar  Scham und Beschämung Link


 
Vera Arnold

Vera Arnold

Vor fast 20 Jahren begegnete mir ein Satz auf einem Plakat in einer vollen Berliner U-Bahn: "Ein Tag ohne Lächeln ist ein verlorener Tag" (Charlie Chaplin).


Der begleitet mich seither und ist ein Grund, warum ich Traumatherapeutin geworden bin.


Erfahre mehr über mich


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2 Comments


Ein sehr guter Artikel, der komplexe Zusammenhänge leicht verständlich erklärt und dabei nah am Leben ist

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Es freut mich sehr, dass er dir so gut gefällt :-)

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